Leseprobe "Vollholz Häuser"
 

Wirtschaften mit der Natur – am Beispiel eines Holzhauses

Was hilft ein Kleid, das wunderschön anzuschauen ist, aber die arme Frau, die es trägt, nach kurzer Zeit in Schweißausbrüche verfällt, weil es aus einem nicht atmenden Nylonstoff geschneidert wurde? Ist Ihnen das auch schon einmal passiert? In einem Kaffeehaus entdecken sie eine Torte, die herrlich verziert, unwiderstehlich aus der Kühlvitrine lacht. Sie lassen sich verführen, bestellen ein Stück, aber o weh, der Geschmack hält überhaupt nicht, was das Äußere versprochen hat. Zucker und fette Industriemargarine, mehr kann der arme Gaumen aus dem schönen Tortenstück nicht herausschmecken.

Wer freut sich lange an einem Auto, das zwar im schönen und edlen Design und gediegener Ausstattung seine Käufer lockt, dann aber für hundert Kilometer 20 oder noch mehr Liter Treibstoff schluckt? Oder das Billigprodukt zum halben Preis, das nach dem zweiten oder dritten Gebrauch versagt und weggeworfen wird. Am Ende war es damit um ein Vielfaches teurer als eine ordentliche Anschaffung, die für lange Zeit zuverlässig dient. In der Mode: schön, aber unbequem; oder bei Lebensmitteln: geschmacklos; schnell vor Ort, aber Treibstoff verprassend, billig, aber ohne Qualität ... die Liste moderner Konsumgüter, die zwar über einige gute Eigenschaften verfügen, aber auf der anderen Seite Mängel oder ungelöste Probleme aufwerfen, ist lang. Ebenso tief greifen die Probleme, die der Menschheit dadurch aufgeladen werden. Von Müllbergen und Mülltourismus über Energieverschwendung und Klimaveränderung, sozialen Spannungen und Ausbeutung in Billiglohnländern bis hin zur Allergie und dem persönlichen körperlichen Leiden des Einzelnen im Wohlstandsstaat.

Die wichtige und große Aufgabe unserer Zeit ist es, endlich damit aufzuhören, kurzfristigen Wohlstand, Zivilisation und neue Produkte nur auf dem Rücken anderer Menschen, auf Kosten von Tieren oder der Umwelt zu schaffen. Die Generation vor uns hat nach dem Zweiten Weltkrieg ein zerbombtes und geschundenes Europa wiederaufgebaut. Die Kindheit unserer Eltern und Großeltern war gezeichnet vom Mangel. Mangel an Nahrung, an Kleidung, an Konsumgütern und Freizeitartikel. Das ist heute für die meisten Menschen der sogenannten Ersten Welt Geschichte. Aber wie anhand der obigen Beispiele erwähnt, zahlen wir dafür heute einen hohen Preis. Wir haben uns von unseren Wurzeln entfernt, verlieren viel zu oft den Boden unter den Füßen und verlernen den Zugang zur Ursprünglichkeit und vitalen Gesundheit, die in jedem Menschen zwar verborgen, aber unauslöschbar angelegt ist. Zu diesen Schätzen in uns selbst zurückfinden, gesund und gut zu leben aus der eigenen Seelenkraft und dem eigenem Hausverstand; Wohlstand für alle aus den Kreisläufen und Quellen der umgebenden Natur in den Regionen der Erde schaffen – das ist keine Vision, sondern die Aufgabe, die sich uns stellt.

Es braucht dazu keine übernatürlichen Anstrengungen – vielmehr ist es die Einsicht und Bereitschaft jedes einzelnen Menschen, konkrete Entscheidungen im eigenen Leben zu treffen. Sich selbst für das Wahrhaftige zu entscheiden ist der einzige Weg, der zur Veränderung führt. Wie fröhlich und entspannt das sein kann, zeigen die Beispiele der in diesem Buch vorgestellten Menschen. Das Bauen eines Hauses ist besonders beispielhaft für das Leben und Wirken eines Menschen in seiner Umwelt. Die Art und Weise, wie ein Volk, die Menschen eines Landes, ihre Häuser bauen, war immer schon Ausdruck des Zustands der jeweiligen Gesellschaft, war ein Zeugnis für die Denkweise, das Fühlen, Handeln und auch Wirtschaften einer Region und einer Zeit. Das Thema Massivholz-Hausbau hat in diesem Buch zwei Bedeutungen. Zuerst geht es dabei natürlich um neue Möglichkeiten und Wege, um Ideen und Anregungen für Menschen, die sich mit Bauen, Wohnen, Wald und Holz beschäftigen. Das Errichten einer reinen Holzhülle, eines Hauses für ein ganzes Leben, ist aber auch Symbol und Beispiel für neues Leben, Handeln und Wirtschaften mit der und nicht gegen die Natur.

Doch damit zurück zum konkreten Beispiel: Das Bauen mit hundert Prozent Holz – Holz100 –, das bedeutet, sich ein Leben lang mit reinem Holz einzuhüllen, sich dort zurückziehen, rasten, lachen und weinen, feiern und trauern, einfach einen wesentlichen Teil seines Lebens im nachwachsenden, lebendigen Material Holz unserer Wälder zu verbringen. So ein Haus zu bauen ist auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Entscheidung. Inniger kann ein modern lebender Mensch mit Bäumen und ihrem Holz gar nicht in Verbindung treten. Es ist eine Entscheidung, die den Menschen zur Sinnlichkeit der Holzfaser, zur ursprünglichen Gesundheit der Bäume und zu neuem Lebensgefühl führt. Es klingt auf den ersten Blick so simpel, sich ein Leben lang mit reinem Holz – ohne Zusatzstoffe – umgeben zu wollen. Tatsächlich ist es eine intime und höchstpersönliche Wahl.


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