Artgerechter Lebensraum - Der Bien und Der Mensch im Baum

Ein wesentlicher Antrieb hinter der Bienenhaltung ist für viele Hobbyimker nicht primär der Honiggewinn, sondern die Beschäftigung mit der Natur. Die Organisation von einem ganzen Insektenstaat zu einem gemeinsam pulsierenden Organismus, dem Bien, der phänologische Weg durch das Jahr der Pflanzen und die damit einhergehende Arbeit im Garten, der Naturschutz und die Erhaltung der Biene, die unmittelbar fühlbaren Berührungspunkte mit diesen Lebewesen begeistern. Wie lebendig ist das Summen der Bienen auf dem Lavendel und das Betrachten der Zargen mit den darauf sitzenden Bienen im Sonnenlicht!

Torben und seine Tochter Romy beim Forschen

Natürlich ist den meisten Hobbyimkern die Notwendigkeit bewusst, die Bienen mit Chemie behandeln zu müssen um die Varroamilbe zu bekämpfen. Dass dieses Thema so einen großen Raum im Ablauf einnimmt und trotz Behandlungen laufend ganze Völker verloren gehen, ist anfangs meist noch unklar. Naturfreunden kostet dies schlussendlich die Freude an der Bienenhaltung im eigenen Garten. Das sind zu viele Experimente am lebenden Wesen und es steht manchem nicht im Sinn, Experte für die chemische Behandlung von Patienten zu werden, welche ohne Doktor nicht mehr lebensfähig sind. Selbst getestet und erfahren gibt es somit keine Bienen mehr im eigenen Garten.

Aber meine Recherche zur chemiefreien Bienenhaltung setzte sich weiter fort. Es gibt einige Ansätze. Zum Beispiel die Züchtung resistenter Arten, die Verkleinerung der Brutzellen und natürlich jede Menge Maschinen zur gezielten Hitzebehandlung im Stock. Jede gefundene Lösung überzeugt in ihrer Logik, hält aber doch wieder Hürden bereit. Die Maschinen sind arbeitsintensiv und teuer, die kleinere Wabe ist in unseren Breiten wenig erprobt und funktioniert eher in südlichen Ländern wo es keinen vergleichbaren Winter gibt. Die resistenten Arten sind schwer erhältlich oder stehen im Widerspruch mit den Züchtungsbestrebungen der örtlichen Imkereiverbände.

Letztes Jahr hielt ich einen Vortrag in Ulm über unsere Werte im Holzbau. Es war ein Kongress und ein weiterer Vortragender, Torben Schiffer, interessierte mich ganz besonders. Er kam, um über die artgerechte Bienenhaltung zu sprechen. Als Biologe beschäftigt er sich in seiner Forschungsarbeit intensiv mit diesem Thema und eröffnete einen neuen Ansatz. Die Imkerei hat die Bienen in hochleistungsfähige Honigkühe verwandelt und diese in wirtschaftliche Ställe gesteckt um sie bestmöglich melken zu können. Der damit einhergehende Verlust der Fähigkeit vom Bien selber Krisen zu bewältigen, ist aus vielen anderen Bereichen der intensivierten Landwirtschaft bekannt.

Wärmebildaufnahmen einer natürlichen Baumhöhle und eines konventionellen Bienenstocks (Quelle: T. Schiffer)

Schiffers Forschungen gehen zurück an die Wurzel und erkunden den ursprünglichen Lebensraum der Bienen, die Baumhöhle. Ein grundlegender Unterschied zum heutigen „Bienenstall“ ist das Volumen welches die Bienen mit Honig füllen wollen. Im konventionellen Stock beträgt dies ca. 160 Liter, in der Baumhöhle 30-40 Liter. Das führt dazu, dass die Bienen vor allem mit dem Honigsammeln beschäftigt sind. Honig welcher uns Menschen und nicht den Bienen zugute kommt. Es bleibt somit weniger Zeit für Pflege und Stockhygiene. Außerdem wird die hohe Sammelaktivität in Gebieten mit großer Imkerdichte oft von einem Aussterben der Wildbienen und Hummeln begleitet. Vor allem im städtischen Raum müssen diese oft mangels Nahrung verhungern. Wenn nun die Honigernte wie bei wirtschaftlich arbeitenden Gewerbsimkern nicht im Vordergrund steht, kann man sich die Frage stellen, wieviel Honig der Bien für sich selbst braucht.

Ein weiterer großer Nachteil der konventionellen Stöcke ist der große Wärmeverlust durch die Bauform. Der Energieverlust im Stock ist für viele Probleme verantwortlich und hat einen wesentlichen Einfluss auf die natürliche Überlebensfähigkeit und die Gesundheit der Bienen. Fällt die Temperatur im Winter, steigt der Energiebedarf der Bienen um den Temperaturunterschied auszugleichen. Den Energiebedarf decken sie mit Honig, der beim Verdauen viel Wasser frei setzt. Es kommt zu einer hohen Luftfeuchtigkeit im Stock, was oft zum gefürchteten Schimmel führt. Die Sporen sind eine erhebliche Belastung für den Bien. In einem Baumstamm mit dicken Wänden und einem kleineren Baumvolumen fällt es dem Bienenvolk um einiges leichter, die Temperatur zu regulieren. Durch die runde Form im Baumstamm gibt es keine Wärmebrücken, wo Schimmel in erster Linie entsteht.

Was passiert noch in der Baumhöhle? Ein weiterer Faktor schafft im Winter ein antibiotisches, gegen den Schimmel wirkendes Raumklima. Durch die vergleichsweise sehr raue Oberfläche im Inneren des Baumstammes passiert dort eine sehr hohe Propolisierung. Bienen verwenden Propolis, um Risse in der Wand abzudichten. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit werden daraus antibiotische Inhaltsstoffe gelöst, welche eine sterile Raumluft erzeugen. Zusätzlich trinken die Bienen beim Sammeln von Kondensat an den Innenwänden ihre eigene Medizin. Sehr spannend ist auch die Forschung von Torben Schiffer zum Bücherskorpion, einem winzigen Spinnentier, welcher sich im Baumstamm aufgrund des natürlichen Habitats besser ansiedelt als im herkömmlichen Bienenstock. Als natürlicher Fressfeind der Varroamilbe ist er der optimale Symbiont im Bienenvolk.

In der Imkerei gibt es aber auch eine „technische“ Antwort auf die Probleme Schimmel und dem hohen Wärmeverlust im Winter. Dämmung. Bienenstöcke, aus reinem Styropor, zur billigen Massenproduktion in denen die Bienen in direktem Kontakt mit dem Kunststoff stehen, sind hier die Krönung der Entfremdung zu einem natürlichen Lebensraum. Natürlich schimmeln Styroporbeuten auch, so wie die Plastiktüte über der Hand beschlägt. Eine sterile Stockatmosphäre ist nicht möglich, da so gut wie keine Propolisierung geschieht. Die Idee der Styroporbeute kommt vermutlich von der Bauindustrie. Denn auch hier werden Häuser mit immer mehr Schichten, Kunststoffen, Dämmungen und Dampfbremsen an der Aussenhülle fit für das Energiesparen gemacht. Eine Lösung, die sich vor dem Aussen abschottet um eine vermeintlich hermetische, heile Welt zu schaffen, funktioniert nirgends und niemals. Eine artgerechte Lösung für uns Menschen sind Häuser, die wie der Baumstamm der Bienen sich selbst regulieren und ohne Abhängigkeit von komplexen technischen Lösungen funktionieren. Dadurch werden wir unabhängig von Energiekonzernen und wir erzeugen keinen Müll beim Bauen. Gebäude mit dicken Holzwänden ohne vielschichtigem Aufbau, aber dafür aus reinem, unbehandeltem Holz können genau das. Ohne Chemie im Raum wird obendrein ein Klima für die Gesundheit entstehen, und keines, das ihr schadet.

Als Torben unsere Lösungen in meinem Vortrag hörte und unsere Bestrebung zur Schaffung eines artgerechten Lebensraumes für uns Menschen erkannte, ist sofort ein wunderbarer Austausch entstanden. Er war begeistert von den Hauskonzepten welche ohne Heizung und komplizierter Haustechnik auskommen. Häuser die nicht schimmeln, unbehandelte Holzoberflächen die sogar krankenhausrelevante Keime besiegen können und unser Herz messbar stärken waren eine einzige Parallele zwischen uns. Torben entwickelte auf Basis seiner Forschungen den SchifferTree, ein Bienenstock in Baumform aus unbehandeltem Vollholz, welcher komplett ohne Leim oder Schrauben auskommt. Er wird einen wesentlichen Beitrag zur Rückkehr zu einer artgerechten Bienenhaltung leisten. In Zukunft wird man also neben Hummeln und geschaffenen Habitaten für Wildbienen auch wieder einen Platz für Honigbienen im Garten schaffen können. Aber eben in einem Baumstamm, nicht zur Honiggewinnung, dafür aber mit der Fähigkeit des Biens sich selbst zu erhalten. Ermöglicht wird das durch Hans Jörg Wartlsteiner, welcher sich mit seiner Tischlerei entschlossen hat, diesen nicht ganz einfach zu produzierenden SchifferTree umzusetzen. Mit Mondholz aus unserem Hobelwerk in Neukirchen am Großvenediger. Nur ein paar Kilometer von ihm entfernt. Möge die Übung gelingen und vielen naturbegeisterten Hobbyimkern neue Motivation und einen neuen Weg aufzeigen.

Die SchifferTrees können direkt auf der Website Hoiz.Tirol von Hans Jörg Wartlsteiner erworben werden. Alle Trees werden fertig zusammengebaut. Preise wie folgt:

Mit Honigraum EUR 650 inkl. Mwst
Einteilig EUR 600 inkl. Mwst.
Verpackung auf EPAL EUR 5,- inkl. Mwst
Versand in Österreich 60,-inkl. Mwst
Versand nach Südtirol und Deutschland EUR 90,- inkl. Mwst.

Florian Thoma, Goldegg am 30 April 2020

Das natürliche Nest der Honigbiene under der SchifferTree (Quelle: T. Schiffer)

Das natürliche Nest der Honigbiene under der SchifferTree (Quelle: T. Schiffer)

Quellen:

Schiffer, Torben: Evolution der Bienenhaltung – Artenschutz für Honigbienen, Ulmer Eugen Verlag, 2020

Schiffer, Torben: „Schiffer Tree“, in Beenature Project, URL: www.beenature-project.com, Abruf am 5.5.2020

Schiffer, Torben: „Beekeeping (R)evolution – a Species Protection Program“, in Natural Bee Husbandry, Issue 12 August 2019, S17-29

Hoiz Tirol: „Holzhandwerk“, in: Homepage Hoiz Tirol, URL: www.hoiz.tirol, Abruf am 30.4.2020

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